Dezember 12, 2009 at 8:05 pm katsch 1 Kommentar
Ihr habt also am Sonntag den Atomschutzbunker unter der Badstraße angekiekt. Wenn ihr wieder mal die Badstasse rauf- und runtertigert, auf der Suche nach schicken Klamotten, dann wisst ihr wenigstens, dass wenige Meter unter euch lange, dunkle, kalte Gänge des Wahnsinns liegen. Diese Anlagen sind aber nur ein Aspekt jener Jahrzehnte, die man gemeinhin als „Kalter Krieg“ bezeichnet. Ich habe die Zeit ja mehr oder weniger bewusst miterlebt. Und wenn mich einer von euch fragen würde, was mir dazu einfällt, käme mir seltsamerweise meine Mutter vor Augen. Kalter Krieg ist die Erinnerung an meine Mutter, die ächzend etliche Kilo Mehl, Kartoffeln und Konserven die vielen Stufen zu unserer Wohnung hoch schleppt. Alles klar? Nein? Dann will ich euch ein bisschen auf die Nerven gehen und die Geschichte im Zusammenhang erzählen.
Kalter Krieg? Was das ist? Obwohl sich der Kalte Krieg in den Geschichtsbüchern über mehrere Jahrzehnte hinzieht, ist er für mich nur ein einziger Tag im August.1968.
Ich kann mich noch genau an einen Freitagnachmittag erinnern. Es muss ein Freitag gewesen sein, denn in meiner Erinnerung spielt ein Telefonanruf eine wichtige Rolle. Und die Person, die bei uns zu Hause anrief, um meine ältere Schwester zu sprechen, tat dies immer nur freitags.
Ich bin 15 Jahre alt. Also ungefähr so alt wie ihr jetzt seid. Und ich habe, was die Schule betrifft, mindestens ebensolche Probleme wie ihr. Vor mir liegen die Hausaufgaben auf dem Küchentisch. Die Fenster zur Straße stehen weit offen. Wenn ich hinausschaue, sehe ich die Bergrücken des Frankenwaldes. Sie sind so nahe, so dass sich die Wipfel der Tannen und Fichten auf den sanft geschwungenen Bergrücken klar abzeichnen. Dahinter liegt die Grenze zur DDR, der „Eiserne Vorhang“. Bis zur Tschechoslowakei ist es eine Stunde Autofahrt.
An der Küchenwand in meinem Rücken steht ein Adler aus Porzellan auf einem handgeschnitzten Regalbrett. Der Nippes hat die Größe und das Gewicht der Kaffeekanne, die ich sonntags, wenn Besuch da ist, immer reihum tragen muss. Der Adler hat eine Taube geschlagen und hält sie du Boden gedrückt.
Als kleiner Junge galt meine ganze Bewunderung dem Adler. Vormittags versuchte ich in der Schule mit einigem Erfolg meine Schwächen in Mathematik zur verbergen, nachmittags war ich „Adlerauge“, der unbesiegbare Häuptling aller Apachen. Meine ganze Verachtung galt der schwachen Taube. Bis mich Vater eines Tages gelehrt hatte, dass Kunst und Mathematik dem Menschen die größtmögliche geistige Anstrengung abverlange. Was Mathe betraf, verstand ich ihn sofort. Nicht allerdings bei der Frage, was zum Teufel auf unserem Regalbrett anders zu sehen wäre als ein Adler und eine Taube.
Er deutete auf die Porzellanplastik und sagte: „Das, mein Junge, ist eine Allegorie. Der Adler steht für die Amerikaner, die Taube für den Frieden.“
Ganz in der Nähe meines Dorfes waren damals amerikanische Soldaten in einer riesigen Kaserne untergebracht. Deutschland war von den Alliierten besetzt. Einmal in der Woche fuhr eine Patrouille durch unser Dorf zum Eisernen Vorhang. Kucken, ob er hält, der Vorhang.
Ich stecke mir einen Kaugummi in den Mund. Beim Kauen erinnere ich mich daran, wie wir als kleine Jungs am Straßenrand den vorbeifahrenden GI`s in ihren Jeeps immer ein „Ami, Ami, Kaugummi“ zuriefen. Mit mäßigem Erfolg. Bis uns eines Tages ein frühpensionierter Studienrat dabei beobachtet hatte.
„Liebe Buben, es ist besser, wenn ihr mit den Soldaten amerikanisch redet.“
„Amerikanisch?“ fragten wir erstaunt.
„Ja, man sagt ´tschuuing gamm´“ und er verschob dabei seinen Unterkiefer, um den typischen breiten Südstaatenslang hinzubekommen. Es fiel ihm nicht schwer, denn in den letzten Kriegstagen hatte er einen Granatsplitter im Gesicht abbekommen. Man munkelte im Dorf, dass er nicht der Versehrung wegen vorzeitig pensioniert worden war, sondern wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP.
„Chewing gum“ wiederholten wir im Chor. Es war das erste amerikanische Wort, das ich lernte. Jedenfalls bildeten wir uns ein, dass wir in der Folge mit den Worten „Ami, chewing gum please“ mehr Erfolg bei den durchfahrenden Jeeps hatten. Manchmal warfen sie einige Streifen in hohen Bogen von den Jeeps. Die folgende Rauferei um die begehrten Kaugummis war eigentlich das Wichtigste für uns Lausejungs.
Ich wende mich etwas zur Seite und drehe an den beiden riesigen Knöpfen des alten Röhrenradios auf dem Tischchen neben mir. Das Radio ist fast so groß wie Mikrowellenherd. Es ist ein wunderschönes Gerät, mit Mahagoni-Holz verkleidet und Drucktasten aus Perlmutt, Das Radio ist der Mittelpunkt meines Lebens. Genauer gesagt, ich höre jeden Tag Musik auf AFN .
„You are listening to American Forces Network. From coast to coast.” Ab und zu hebe ich den Kopf und beobachte meine Lieblingsschwester im Korridor.
Es ist ein langer, dunkler Gang. Nur spärlich ausgeleuchtet von einer kleinen Lampe über dem Spiegel. Sie hat ihr neues Kleid angelegt. Es ist aus weißem Stoff, in der Hüfte gerafft, weite Glockenfalten schwingen um die Beine. Sie macht ein paar Rock ´n´ Roll Schritte vor dem Spiegel mit dem vergoldeten, gedrechselten Holzrahmen. Rock´n´roll war ein Tanz, ein Musikstil und last but noch least umgangssprachlich etwa dasselbe wie Poppen.
Am Wochenende wird sie mit ihm Tanzen gehen. In irgend einem Kaff im Umkreis. Jedes Dorf hat jetzt seine eigene Band. Sie tänzelt, blickt über die Schulter, prüft den Sitz des trägerlosen Kleides im Rücken, streicht die Falten gerade und zupft an der Taille. Ich wende mich wieder den Hausaufgaben zu. Realschule, Mathe, für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Deswegen lasse ich mich auch gerne ablenken und hebe den Blick wieder, als das Telefon im Flur schrillt. Sie greift aufgeregt nach dem Hörer in der Gabel an der Wand. Mit jeder Sekunde, die ich sie beobachte, verändert sie ihre Haltung. Sie erstarrt zusehends. Dann legt sie wortlos auf, lehnt sich an die Wand und rutscht langsam an ihr herab. Sie hält die Hände vors Gesicht. Sie flennt. Lautlos fast, aber vor mir kann sie nichts verbergen. Obwohl ich erst 15 Jahre alt bin und von Liebe keinen blassen Schimmer habe. Noch weniger davon, wie sich eine 20jährige fühlen muss, die gerade ihre erste große Liebe für ein paar Wochenenden nicht sehen darf.
Ihre erste große Liebe war ein kleiner Idiot in Bundeswehr-Uniform. Wenn er bei uns zu Hause war, prahlte er immer damit, wie er mit verbundenen Augen sein G 3 in Rekordzeit auseinander und wieder zusammengesetzt hatte. Einen Tag Sonderurlaub hatte es dafür gegeben.
Ich lasse mich neben ihr in die Hocke und versuche, ihr in die Augen zu sehen. Sie dreht ihr Gesicht zur Wand mit dieser schrecklich- braunen, modischen Tapete mit abstraktem Muster. Irgend eine Art Fries oder Mäander ist zu sehen. Meine blühende Phantasie sah darin eine braune, hässliche Riesenschlange. Eine Python in unserem Korridor. Allerdings in hunderte, gleichmäßig große Einzelteile zerstückelt. Vater war nie ein guter Handwerker.
Warum weinst du? Sie antwortet nicht. Sie würgt ein letztes Schluchzen hervor, gedämpft durch Rotz und Tränen. Und ich denke mir, wenn das die Liebe ist…nein danke, niemals! (Mein innerlich abgelegter Schwur hielt nicht sehr lange. Wenige Monate später hatte es auch mich ernsthaft erwischt.)
Ich streiche ihr behutsam eine schweißnasse Strähne aus dem verheulten Gesicht. Ich gebe nicht auf.
-Was is´n los? Kommt dein tapferer Held nicht? Ist er zu einer anderen übergelaufen?
-Halt die Klappe, hörst du, halt einfach die Klappe…wenn du von Dingen keine Ahnung hast, dann halt einfach die Klappe.
Ich richte mich auf und deklamiere wie ein Schauspieler, wobei ich meine Stimme etwas dunkler werden lasse und die Arme zum Himmel strecke.
-Hört, hört, ihr Götter, Madame hat Ahnung…von was hat Madame denn Ahnung?..hä…etwa von ewiger Treue?… unsterblicher Liebe?…unerreichter Leidenschaft…? Hört ihr Götter, meine Lieblingsschwester weiß also mehr als ihr. Denn ihr seid nur kleine, dumme Götter, ihr habt keine Ahnung von ewiger Liebe, Treue und…ja…von diesem wunderschönen Sommerkleid.
Sie schnieft ein bisschen, den Kopf immer noch an die braunen Pythons an der Wand angelehnt. Doch dann blickt sie mich an.
Er kommt dieses Wochenende nicht, darf die Kaserne bis auf weiteres nicht verlassen. Ist in erhöhter Alarmbereitschaft. Stell dir vor, die sind alle ständig im Kampfanzug. Und das Sturmgepäck liegt Tag und Nacht bereit. Wegen Prag und so. Die Russen sind da mit Panzern einmarschiert.
Meinst du, es gibt Krieg?
Sie antwortet nicht, steht auf und wirft einen traurigen Blick in den Spiegel. Es klingelt an der Tür. Mutter steht unten im Hauseingang und bittet mich, herunter zu kommen und beim Tragen zu helfen. Sie hat Unmengen an Reis, Mehl, Kartoffeln und Konserven gekauft. Warum denn so viel? Ich schaue sie fragend an.
„Für alle Fälle,“ sagt sie, „für alle Fälle.“
Noch heute sehe ich alles ganz deutlich vor mir. Besonders das weiße Kleid und die braunen Pythons an der Wand im dunklen Korridor. Auch den Adler und die Taube. Ich weiß nicht mehr, ob mein Vater Recht hat. Der Adler könnte auch ein Russe sein. Und die Taube ein Tscheche. Die Dinge sind nicht immer das, als was sie uns erscheinen Die Frau an der Treppe aber, die mit dem Mehl und den Kartoffeln, sie ist selbst in meinen Träumen immer meine Mutter.
von Jürgen
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1.
Lars | Dezember 14, 2009 um 9:22 pm
Ich bin immer wieder gerührt und gefesselt von deinen großen Geschichten die du uns immer wieder aus den kleinen Dingen des Lebens zauberst!
GRAZIE MILLE !